WEBVTT

00:00:05.000 --> 00:00:08.050
Es stinken die Stra&szlig;en nach Mist.

00:00:08.051 --> 00:00:11.500
Es stinken die Hinterh&ouml;fe nach Urin.

00:00:11.501 --> 00:00:15.500
Aus den Gerbereien stinken die &auml;tzenden Laugen.

00:00:15.501 --> 00:00:19.599
Aus den Schlachth&ouml;fen stinkt das geronnene Blut.

00:00:19.700 --> 00:00:23.500
Es stinken die Fl&uuml;&szlig;e, es stinken die Pl&auml;tze.

00:00:23.501 --> 00:00:26.500
Es stinkt unter den Br&uuml;cken und in den Pal&auml;sten.

00:00:26.501 --> 00:00:33.000
Denn der zersetzenden Aktivit&auml;t der Bakterien sind im 18. Jahrundert noch keine Grenzen gesetzt.

00:00:33.001 --> 00:00:40.500
Und so gibt es keine menschliche T&auml;tigkeit, die nicht von Gestank begleitet ist.

00:00:41.500 --> 00:00:46.000
Die hygienischen Verh&auml;ltnisse in den St&auml;dten sind teilweise besorgniserregend.

00:00:46.001 --> 00:00:50.000
Die Entsorgung von Abw&auml;sserun erfolgt in offenen Gr&auml;ben.

00:00:50.001 --> 00:00:54.500
Infektionskrankheiten, wie Typhus und Cholera, sind die Folge.

00:00:54.501 --> 00:01:04.000
Die planlose, gesundheitsgef&auml;hrdende Entw&auml;sserung in der Stadt verst&auml;rkt Mitte des 19. Jahrhunderts die Forderung nach einer geregelten Kanalisation. 

00:01:04.001 --> 00:01:10.000
Ein erbitterter Kampf entbrennt zwischen Kanalgegnern und Kanalbef&uuml;rwortern.

00:01:10.001 --> 00:01:16.000
Er f&uuml;hrt schlie&szlig;lich zum Beginn des Kanalbaus im Jahr 1867.

00:01:16.001 --> 00:01:20.000
Die gesundheitlichen Verh&auml;ltnisse in der Stadt verbessern sich zusehends.

00:01:20.001 --> 00:01:28.000
Gleichzeitig kommt es zu einer dramatischen Verschlechterung der &ouml;ffentlichen Gew&auml;sser, in die die Abwasser geleitet werden.

00:01:28.001 --> 00:01:32.000
Hinzu kommen Beschwerden der flu&szlig;abw&auml;rtsgelegenen Gemeinden.

00:01:33.001 --> 00:01:42.000
1882 beschlie&szlig;t die Stadt eine Anlage zur mechanischen Reinigung des Abwassers vor dem Einleiten in den Main.

00:01:42.001 --> 00:01:47.500
Die Anlage soll unterhalb des Vorortes Niederrad entstehen.

00:01:47.501 --> 00:01:52.000
Zun&auml;chst m&uuml;ssen die Abw&auml;sser links und rechts des Mains zusammengef&uuml;hrt werden,

00:01:52.001 --> 00:01:58.000
um sie gemeinsam in der geplanten linksmainisch gelegenen Anlage zu behandeln.

00:01:58.001 --> 00:02:04.500
Zwei D&uuml;kerrohre mit jeweils 75cm Durchmesser werden dazu unter dem Main verlegt.

00:02:04.501 --> 00:02:15.500
Eine unterirdische Beckenanlage soll - durch ihre tiefe Lage - ein freies Zuflie&szlig;en des Abwassers aus der Kanalisation ohne den Einsatz von Pumpen erm&ouml;glichen.

00:02:15.501 --> 00:02:21.000
Zwar wird der Bau dadurch zun&auml;chst teurer, senkt aber die Betriebskosten auf Dauer.

00:02:21.001 --> 00:02:27.500
In mehreren Stufen sollen in dieser Anlage die Schwebstoffe aus dem Abwasser entfernt werden.

00:02:27.501 --> 00:02:35.000
Ein Sandfangbecken, in dem sich durch Verringerung der Flie&szlig;geschwindigkeit Sand und Kies am Boden absetzen k&ouml;nnen. 

00:02:35.001 --> 00:02:39.000
Eine Tauchwand soll die auf der Oberfl&auml;che treibenden Schwimmstoffe zur&uuml;ckhalten. 

00:02:39.001 --> 00:02:44.000
Ein Rechen soll die gr&ouml;&szlig;eren Schwebstoffe im Abwasser zur&uuml;ckhalten. 

00:02:44.001 --> 00:02:50.500
F&uuml;r das Absetzen feinerer Schwebstoffe werden vier 82m lange Becken gebaut.

00:02:50.501 --> 00:02:59.000
Ihre Oberfl&auml;che wird zur besseren Reinigung und zum Schutz der darunterliegenden Betonkonstruktion mit glasierten Klinkern ausgestattet.

00:02:59.001 --> 00:03:03.000
Hier findet die eigentliche Reinigung statt.

00:03:03.001 --> 00:03:07.000
Langsam durchflie&szlig;t das Abwasser die Becken.

00:03:07.001 --> 00:03:11.000
Dabei setzen sich die festen Bestandteile am Boden ab.

00:03:11.001 --> 00:03:18.500
Die gereinigten oberen Wasserschichten flie&szlig;en am Ende der Becken &uuml;ber die Ablaufgalerie in den Main.

00:03:18.501 --> 00:03:29.000
Vor dem Einflie&szlig;en in die Absetzbecken wird das Abwasser durch die so genannte Mischkammer geleitet, wo ihm schwefelsaure Tonerde und Kalkmilch beigemischt werden.

00:03:29.001 --> 00:03:33.000
Diese chemische F&auml;llung soll die Sedimentation f&ouml;rdern.

00:03:33.001 --> 00:03:43.000
Das Verfahren wird aber 1902 bereits wieder eingestellt, da es nicht den gew&uuml;nschten Effekt erzielt und nur die Gew&auml;sser zus&auml;tzlich belastet.

00:03:43.001 --> 00:03:50.000
Die Kl&auml;ranlage ist die erste im deutschen Reichsgebiet, vielleicht die erste auf dem europ&auml;ischen Kontinent.

00:03:50.001 --> 00:03:58.000
Sie ist f&uuml;r 140.000 Einwohner bemessen und geht im August 1887 in Betrieb.

00:04:03.001 --> 00:04:07.000
Alle vier bis acht Tage m&uuml;ssen die Absetzbecken gereinigt werden.

00:04:07.001 --> 00:04:11.500
An ihrer Sohle hat sich eine dicke Schlammschicht angesammelt.

00:04:11.501 --> 00:04:24.000
Die obere, klare Wasserschicht l&auml;sst man in die Ablaufgalerie ablaufen, die tieferen, tr&uuml;ben Schichten werden zur&uuml;ck in den Einlauf der Anlage und der Schlamm auf Trockenbeete gepumpt.

00:04:24.001 --> 00:04:28.000
Die z&auml;he Schlammschicht am Boden wird von Hand entsorgt.

00:04:28.001 --> 00:04:31.500
W&auml;nde und Sohle mit B&uuml;rsten gereinigt.

00:04:31.501 --> 00:04:37.500
Auch in den Zu- und Ablaufgerinnen setzen sich die Sinkstoffe ab.

00:04:37.501 --> 00:04:42.000
Sie werden in K&uuml;bel gef&uuml;llt und auf Trockenbeeten verteilt.

00:04:42.001 --> 00:04:47.000
Der gesamte Reinigungsvorgang dauert circa 8-10 Stunden.

00:04:49.501 --> 00:04:54.000
Nahezu alle anfallenden Arbeiten m&uuml;ssen von Hand erledigt werden.

00:04:54.001 --> 00:04:59.000
Die Arbeitsbedingungen sind nach heutigen Ma&szlig;st&auml;ben unzumutbar.

00:05:00.001 --> 00:05:06.000
Im Sandfang entfernen am Tag drei, in der Nacht zwei Arbeiter das Sandfanggut.

00:05:06.001 --> 00:05:15.000
An den Rechen kratzen tags&uuml;ber vier, in der Nacht drei Arbeiter mit langstielligen Haken das Rechengut nach oben. 

00:05:15.001 --> 00:05:19.000
Jedoch nicht alle Arbeiten m&uuml;ssen von Hand erledigt werden.

00:05:19.001 --> 00:05:32.500
Im angrenzenden Maschinenraum werden &uuml;ber Transmissionen vier Hochwasserpumpen, zwei Entleerungspumpen, zwei Schlammpumpen sowie einige Nutzwasserpumpen durch Lokomobile angetrieben.

00:05:32.501 --> 00:05:39.000
Einmal im Monat muss die gesamte Anlage wegen Reinigungsarbeiten stillgelegt werden.

00:05:39.001 --> 00:05:51.000
F&uuml;r mehrere Stunden wird das Abwasser ungereinigt in den Main geleitet, was regelm&auml;&szlig;ig zu Protesten der flu&szlig;abw&auml;rts liegenden Gemeinden f&uuml;hrt.

00:05:53.001 --> 00:06:00.000
Schon bald macht das schnelle Wachstum der Stadt die Erweiterung der Anlage f&uuml;r 300.000 Einwohner erforderlich.

00:06:00.001 --> 00:06:09.000
Bereits 1895 beschlossen, werden die Bauarbeiten zwischen 1902 und 1905 umgesetzt.

00:06:09.001 --> 00:06:17.500
Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Reinigungsleistung der Absetzbecken bei halber L&auml;nge bereits vollst&auml;ndig erbracht ist.

00:06:17.501 --> 00:06:24.000
So wird die Einlaufgalerie in die Mitte verlegt und damit die Anzahl der vorhandenen Becken verdoppelt.

00:06:24.001 --> 00:06:30.000
Durch den Anbau 6 weiterer Becken erh&ouml;ht sich die Anzahl auf 14 Becken.

00:06:30.001 --> 00:06:35.000
Mit der Erweiterung der Anlage wird die Chance zur Modernisierung genutzt.

00:06:35.001 --> 00:06:41.000
Man baut Laufstege zwischen den Becken f&uuml;r Kontroll-, Wartungs-, und Reinigungszwecke.

00:06:41.001 --> 00:06:48.000
Man verlegt den Sandfang und stattet ihn mit einem Bagger zur Entfernung des Sandfanggutes aus.

00:06:48.001 --> 00:06:53.500
Das Rechengut wird jetzt mithilfe einer mechanischen Rechenanlage entfernt. 

00:06:53.501 --> 00:06:56.000
Eine Konstruktion Frankfurter Techiker.

00:06:56.001 --> 00:07:03.500
Das neue Betriebsgeb&auml;ude bekommt einen Maschinenraum, Dienstr&auml;ume und ein Labor.

00:07:05.001 --> 00:07:13.000
Im Turm des Geb&auml;udes ist ein Kessel mit gereingtem Abwasser zum Abspritzen der Beckenw&auml;nde untergebracht.

00:07:15.001 --> 00:07:19.000
Eine Vakuumanlage ist durch ein Rohrleitungsnetz so mit den Becken verbunden, 

00:07:19.001 --> 00:07:29.000
dass w&auml;hrend des Kl&auml;rprozesses nach Bedarf der Schlamm aus den Pumpens&uuml;pfen am Beckenboden und der Schwimmschlamm an der Wasseroberfl&auml;che abgesaugt werden kann.

00:07:29.001 --> 00:07:37.000
In zwei Kesseln gesammelt wird der Schlamm mithilfe von Druckluft auf die Trockenbeete gef&ouml;rdert.

00:07:38.001 --> 00:07:48.000
Die Absicherung gegen Mainhochwasser erfolgt wie schon in der ersten Anlage durch eine Kombination aus Absperrschieber und R&uuml;ckschlagklappe.

00:07:48.001 --> 00:07:58.500
In diesem Fall flie&szlig;t das gereinigte Abwasser in das Hochwasserpumpwerk der Anlage und wird hier durch zwei elektrische Kreiselpumpen in den Main gepumpt.

00:07:58.501 --> 00:08:09.000
Die Modernisierung steigert nicht nur die Reinigungsleistung der Anlage, sie bringt vor allem eine enorme Verbesserung der Arbeitsbedingungen f&uuml;r das Personal. 

00:08:09.000 --> 00:08:13.000
&Uuml;ber 50 Jahre ist die Anlage in Betrieb.

00:08:13.001 --> 00:08:24.000
Von 1956 bis 1981 dient sie dem neuen Hauptkl&auml;rwerk Niederrad noch als Regenkl&auml;ranlage.

00:08:27.001 --> 00:08:34.000
Die Anlage steht unter Denkmalschutz und wird als Industriedenkmal der Nachwelt erhalten.

00:08:27.001 --> 00:08:35.000
Die Anlage steht unter Denkmalschutz und wird als Industriedenkmal der Nachwelt erhalten.